Elf Wochen

Band 1 der Reihe Sternenordnung

Elf Wochen braucht eine Nachricht von hier bis zur Erde. Elf weitere, bis eine Antwort zurück ist. Als die Besatzung der Surveyor in einem unbewohnten System auf eine Messung stößt, die in keine Kategorie passt, ist niemand da, den man fragen könnte.

Alle arbeiten sorgfältig. Niemand lügt. Jede Entscheidung ist begründet, jede Meldung korrekt, jedes Formular richtig ausgefüllt.

Es genügt nicht.

Worum es geht

Die Surveyor ist ein Forschungs- und Versorgungsschiff der Union menschlicher Gemeinwesen. Sie bringt Material, Pflanzen und Siedler nach Arden und vermisst unterwegs ein System, in dem vierhundert Jahre Suche nichts gefunden haben, was auf jemand anderen hindeutet.

An Bord arbeiten Menschen, die ihre Sache verstehen. Ein Geologe vermisst zwei Himmelskörper. Ein Linguist, den man mitgenommen hat, obwohl es nichts zu übersetzen gibt, schreibt einen Vorbehalt in ein nachgeordnetes Feld. Eine Kapitänin verlegt Fracht und ordnet eine zusätzliche Wache an. Ein Missionsleiter liest eine Zusammenfassung, in der vier Wörter fehlen, und lässt sie stehen.

Nichts davon ist ein Fehler. Das ist das Problem.

Elf Wochen erzählt, wie aus lauter regelkonformen Entscheidungen etwas entsteht, das keiner von ihnen wollte. Es gibt keinen Bösewicht, keine Verschwörung, keine unterschlagene Wahrheit. Es gibt einen Befund, der in kein Feld passt, eine Vorschrift, die für diesen Fall zuständig ist, und eine Entfernung, über die niemand rechtzeitig widersprechen kann.

Die Frage, um die das Buch kreist, ist älter als die Raumfahrt und wird sie überdauern:

Wer darf handeln, wenn niemand rechtzeitig zustimmen kann — und wem wird die Handlung zugerechnet?

Sie stellte sich in der Zeit der Segelschiffe. Sie stellt sich an jedem Ort, an dem eine Antwort länger braucht als eine Entscheidung.

Die Figuren

David Mercer — Missionsleitung

Mercer entscheidet über den wissenschaftlichen Auftrag. Messen kann er selbst nichts. Die Werte, die man ihm vorlegt, versteht er nicht. Er versteht, was ein Verfahren mit einer Aussage macht, wenn sie durch drei Instanzen läuft. Seine Art zu arbeiten besteht darin, eine Frage zu stellen und zu warten. Meistens spricht der andere dann weiter. Zu Hause warten eine Partnerin und eine Tochter. Er sieht sie seltener, als er möchte. Den Unterricht seiner Tochter gibt er per Formular frei, während er woanders ist. Was er will, sagt er nicht. Man sieht es daran, welche Termine er verschiebt.

Yara Okonkwo — Kapitänin

Okonkwo verantwortet das Schiff, nicht die Mission. Diese Grenze zieht sie mit einer Schärfe, die niemand an Bord infrage stellt. Sie arbeitet mit den Händen. Sie zieht selbst an klemmenden Bolzen, kniet in nasse Rinnen und drückt gegen Streben, bis nichts sich mehr bewegt. Ihre Anordnungen erklärt sie nicht. Auch dann nicht, wenn Erklären billiger wäre als Schweigen. Von einem früheren Schiff bringt sie eine Erfahrung mit, über die sie genau einmal spricht. Es geht dabei nicht um Katastrophen. Es geht darum, wann Menschen aufhören, Rückfragen zu stellen.

Ethan Cole — Linguist

Cole ist an Bord, um Sprache zu untersuchen. In diesem System spricht nichts. Er denkt in Kategorien statt in Ergebnissen. Wer ihn nach einer Zahl fragt, bekommt neun Absätze darüber, warum er keine geben kann. Sein Vorbehalt zur Klassifikation ist unbequem und sachlich richtig. Für den laufenden Betrieb ist er vollkommen unbrauchbar. Er beschreibt nicht, was man gefunden hat. Er beschreibt, was die verwendeten Suchkategorien gar nicht erfassen könnten. Cole vergisst zu essen. Er merkt nicht, wenn jemand aus Freundlichkeit neben ihm stehen bleibt.

Piotr Zawadzki — Geologe

Zawadzki vermisst und rechnet. Er tut es besser als alle anderen an Bord. In jeder Auseinandersetzung des Buches hat er das stärkere Argument. In jeder wird er überstimmt, ohne dass ihm jemand unrecht gibt. Über die Sache streitet er nie. Er streitet über den nächsten Schritt. Was löst ein Eintrag aus? Welche Frist erzeugt er? Wer steht am Ende dafür gerade? Zwischen ihm und Cole ist etwas vorgefallen, lange vor dieser Mission und außerhalb jeder Dienstsache. Keiner von beiden spricht darüber.

Amara Sesay — Kolonievertretung

Sesay vertritt die Siedler aus Arden, die als Passagiere mitreisen. Zur Besatzung gehört sie nicht, zur Mission auch nicht. Sie hat Anspruch auf Auskunft und keinen Zugriff auf die Vorgänge, über die sie Auskunft geben soll. Wenn nachts niemand schläft, steht ihre Tür offen. Die Leute kommen einzeln herein. Sie schickt keinen weg. Was sie ihnen sagen kann, hängt von Feldern ab, die andere ausfüllen. In einer der wenigen Nächte, in denen sie selbst um etwas bittet, bekommt sie einen Satz, der wahr ist. Gebrauchen kann sie ihn nicht.

Nia Banerjee — Wachoffizierin

Banerjee arbeitet in der Navigation, an Anzeigen, auf denen selten etwas passiert. Sie ist präzise und schnell. Technische Zusammenhänge erklärt sie so, dass jeder sieht, welcher Arbeitsschritt was tut. Wochen im Voraus hat sie sich eine Außenprüfung eintragen lassen. Schleusenfenster, Anzug, Begleitung, alles selbst besorgt. Warum ihr daran liegt, sagt sie niemandem. Sie ist die einzige Figur des Buches, die ausspricht, was ihre Arbeit mit ihr macht. Sie tut es in einem Raum, in dem niemand zuständig ist.

Nora und Mara Mercer

Nora hat keine Befugnis über den Unterricht. Die Frage, die niemand beantworten kann, hat trotzdem sie. Was sagt man sechs Kindern am Morgen, nachdem sie nachts gehört haben, dass etwas geschehen ist? Ihre Tochter Mara ist eines dieser sechs. In einem Raum ohne Fenster lernt sie die Geschichte des Wegs nach draußen, vierhundert Jahre in einer Unterrichtsstunde. Mara ist die Einzige an Bord, die einen Absatz zweimal liest und dann nicht weiterscrollt.




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