Mein Hobby als Autor

Mein Name ist Frank Dopatka, ich bin seit 2017 Professor für Web-Development und Game Engineering an der Technischen Hochschule Mannheim, Fakultät für Informatik. Zuvor war ich 6 Jahre lang Professor für Medieninformatik an der Hochschule Reutlingen im Studiengang Medien- und Kommunikationsinformatik.

Vom Sachbuch zur Geschichte

Schreiben gehört zu meinem Beruf. Skripte, Lehrmaterialien, Aufgabenstellungen, Fachartikel, zuletzt ein Fachbuch über engine-unabhängiges Game Engineering über gut sechshundert Seiten.

Nur ist das eine ganz andere Tätigkeit, als man von außen vermutet. Ein Sachbuch zu schreiben heißt, vorhandenes Wissen zu ordnen. Man weiß, was hineingehört. Man weiß, in welcher Reihenfolge es verstanden wird. Wenn ein Kapitel nicht funktioniert, liegt es an der Gliederung, und die kann man reparieren. Es ist anstrengend, aber es ist ein Handwerk mit klaren Regeln.

Eine Geschichte zu erfinden ist etwas anderes. Da gibt es nichts zu ordnen, weil noch nichts da ist. Es gibt keine richtige Reihenfolge, keine Quellen, auf die man sich stützen kann, und niemanden, der einem sagt, ob eine Szene funktioniert. Vor allem gibt es Figuren, die miteinander sprechen müssen, ohne einander Dinge zu erklären. Die Figuren und deren Umfeld müssen eine Atmosphäre aufbauen.

Deshalb habe ich es lange nicht versucht. Ich hatte Ideen seit Jahren, ich hatte ein paar Notizen, ich hatte ein Universum im Kopf. Was ich nicht wusste, war, ob ich eine einzige Szene schreiben kann, in der zwei Menschen ein Gespräch führen, das man ihnen abnimmt.

Irgendwann habe ich mich hingesetzt und es ausprobiert. Eine Szene, ein paar tausend Wörter, ohne Plan für den Rest. Danach wusste ich zwei Dinge, die ich vorher nicht wissen konnte: dass mir die Arbeit an Dialog und Szene tatsächlich Freude macht, und wie meine Erzählstimme klingt.

Der Rest dieser Seite handelt davon, warum es ausgerechnet dieses Universum der Sternenordnung geworden ist...

Woher das hier kommt

Ich werde manchmal gefragt, warum jemand, der beruflich mit Software zu tun hat, ausgerechnet Science-Fiction schreibt. Die ehrliche Antwort ist, dass ich seit Jahrzehnten Geschichten sehe und lese, die sich mit einer bestimmten Frage beschäftigen, ohne sie je auszusprechen. Irgendwann wollte ich wissen, ob ich sie selbst stellen kann.

Was hier folgt, ist keine Bestenliste. Es sind die Werke, an denen ich gelernt habe, wie man ein Universum baut, das größer ist als seine Handlung, und woran man merkt, wenn es kippt.

Babylon 5

Straczynski hat 1993 etwas getan, was damals ungewöhnlich war: Er hat den Bogen einer fünfjährigen Serie geplant, bevor die erste Folge lief. Man merkt das an Details, die in der zweiten Staffel gesetzt werden und erst in der vierten zahlen.

Was mich daran bis heute beschäftigt, ist die Vorgeschichte. Der Krieg zwischen Menschen und Minbari begann mit einem Missverständnis beim ersten Kontakt. Eine Geste, die auf der einen Seite eine Begrüßung war, wurde auf der anderen als Drohung gelesen, und jemand traf eine Entscheidung, die niemand mehr rückgängig machen konnte. Millionen Tote, weil zwei Zivilisationen dieselbe Handlung verschieden lasen. Das ist der Ausgangspunkt einer ganzen Serie, und er wird nie zu einer Lehre verkürzt.

Dazu kommen die Ordnungen. Die Centauri sind ein Adel im Verfall: Höfe, Häuser, Titel, ein Kaiser, und alles davon eine Erinnerung an eine Macht, die es nicht mehr gibt. Londo Mollari ist deshalb die stärkste Figur der Serie, weil sein Ehrgeiz aus Demütigung entsteht. Ein Gesandter auf einem Abstellposten, dessen Volk einmal ein Imperium war, geht ein Bündnis ein, um die alte Größe wiederherzustellen, und ruiniert damit alles. Er ist kein Bösewicht. Er ist jemand, der jeden einzelnen Schritt begründen kann.

Die Minbari sind das Gegenmodell: kein Verfall, sondern erstarrte Ordnung. Drei Kasten, ein Rat, ein Gleichgewicht, das jahrhundertelang gehalten hat und deshalb keine Sprache für Konflikte besitzt. Als es bricht, bricht es vollständig.

Und über allem stehen zwei uralte Mächte, die einander seit Ewigkeiten widersprechen — die eine für Ordnung und Führung, die andere für Wachstum durch Konflikt. Der eigentliche Schock der Serie ist nicht, dass eine von beiden böse wäre. Es ist, dass beide die jüngeren Völker als Argumente in ihrem eigenen Streit benutzen. Wer das begriffen hat, sieht die ganze Geschichte der Galaxis rückwirkend anders.

Star Trek: Deep Space Nine

Star Trek war lange die Serie über Erkundung. Deep Space Nine ist die Serie darüber, was passiert, wenn man bleibt.

Das Dominion ist der bestgebaute Gegner, den das Franchise je hatte, und der Grund ist, dass es innen zerfallen ist. Die Gründer sind Formwandler, die einst verfolgt wurden und daraus die Überzeugung gezogen haben, Sicherheit entstehe nur durch Kontrolle. Die Vorta sind Verwalter und Gesandte, geklont, ersetzbar, und doch voller Ehrgeiz. Die Jem'Hadar sind gezüchtete Soldaten, biologisch abhängig von einem Mittel, das die Vorta verwalten. Drei Gruppen mit unterschiedlichen Interessen, verbunden durch etwas, das gleichzeitig Religion und Biologie ist. Weyoun ist deshalb interessant, weil er kein Fanatiker ist, sondern ein Höfling, der in einem geschlossenen System um Einfluss ringt und jede Kränkung schluckt.

Die Folge, die ich für die beste des ganzen Franchise halte, hat keine Schlacht. Sisko braucht ein weiteres Imperium als Verbündeten, sonst ist der Krieg verloren. Es gibt keinen legalen Weg dorthin. Also lässt er Beweise fälschen, deckt anschließend einen Mord und stellt am Ende fest, dass er damit leben kann. Die Folge urteilt nicht über ihn. Sie zeigt einen anständigen Menschen, der etwas tut, das nicht zu rechtfertigen ist, und danach weiterarbeitet.

Dieselbe Serie hat auch die unangenehmste Idee, die Star Trek je hatte: eine Instanz, die außerhalb jeder Ordnung handelt und die es offiziell nicht gibt. Ihr Vertreter taucht auf, behauptet eine Vollmacht, die niemand bestätigen kann, und verschwindet wieder. Sein Argument lautet sinngemäß, das Paradies sei nur deshalb ein Paradies, weil jemand die Arbeit erledige, über die man dort nicht spricht. Er wird in dieser Szene nicht widerlegt. Genau deshalb wirkt sie.

Die Wesen im Wurmloch — und die Macht

Und dann gibt es in derselben Serie die Wesen im Wurmloch, die von einem Volk als Propheten verehrt werden. Sie erleben Zeit nicht linear. Sie verstehen menschliche Fragen buchstäblich nicht. Was sie tun, lässt sich gleichermaßen als Physik oder als Offenbarung lesen, und die Serie entscheidet das nie.

Das ist dieselbe Bauweise wie die Macht in den ersten Star-Wars-Filmen. Eine Ebene über der Handlung, die Wirkungen hat und keine Erklärung. Man kann sie spüren, man kann sie missbrauchen, und niemand kann sagen, was sie ist.

Und genau daran zeigt sich, wie leicht man so etwas zerstört. In dem Moment, in dem die Macht eine messbare Größe im Blut wurde, war sie keine Ebene mehr, sondern ein Spielwert. Man kann darüber streiten, ob das ein kleines Detail war. Ich halte es für den Punkt, an dem ein Universum aufgehört hat, größer zu sein als seine Erklärungen.

Wichtig ist dabei ein Unterschied, den man leicht übersieht: Unerklärt heißt nicht willkürlich. Die Propheten sind nie erklärt worden, aber sie verhalten sich vollkommen konsistent — sie kennen keine lineare Zeit, und daraus folgt alles, was sie tun. Willkürlich wäre eine Instanz, die immer dann eingreift, wenn der Autor eine Rettung braucht. Zwischen Geheimnis und Ausrede liegt genau dieser Unterschied.

Star Trek: Voyager, The Next Generation, Picard, Strange New Worlds

Voyager hatte die beste Ausgangslage der ganzen Reihe: ein Schiff, zehntausende Lichtjahre von zu Hause, keine Verstärkung, keine Werft, kein Befehl, der rechtzeitig ankommt, und eine Besatzung aus zwei verfeindeten Gruppen. Alles, was ich an Isolation und Vollmacht interessant finde, war dort angelegt. Dass die Serie ihre eigenen Beschränkungen selten durchgehalten hat — beschädigte Schiffe, die eine Woche später wieder heil waren, begrenzte Vorräte, die nie ausgingen —, ist für mich die lehrreichste Enttäuschung des Franchise. Nicht weil sie schlecht wäre, sondern weil man an ihr sieht, wie viel Spannung verlorengeht, wenn eine Welt keine Preise mehr hat.

The Next Generation ist die Serie, die mich am stärksten geprägt hat, und zwar wegen einer Figur. Data ist ein künstliches Wesen, das nicht danach strebt, eine Maschine gut zu sein, sondern danach, ein Mensch zu werden — und die Serie hat die Klugheit, ihn nie ankommen zu lassen. Die beste Folge darüber ist eine Gerichtsverhandlung. Ein Wissenschaftler will ihn auseinandernehmen, um mehr davon bauen zu können, und die Frage lautet, ob Data Eigentum der Sternenflotte ist oder eine Person mit dem Recht, nein zu sagen. Niemand kann beweisen, dass er ein Bewusstsein hat. Niemand kann es bei den Anwesenden beweisen. Genau darauf läuft die Verhandlung hinaus.

Dieselbe Serie hat mir beigebracht, wie eine Institution funktioniert, die es ernst meint. Picard beruft sich auf Regeln, auch wenn sie ihm im Weg stehen, und die Folgen, die ich am liebsten mag, sind die, in denen es ihn etwas kostet. Dazu die Borg, die den einzigen Gegner darstellen, gegen den Verhandlung sinnlos ist — nicht aus Bosheit, sondern weil sie kein Gegenüber haben, mit dem man verhandeln könnte.

Die spätere Serie um Picard stellt dann eine Frage, die TNG nicht hätte stellen können: was aus einer Institution wird, die ihre eigenen Werte nicht mehr einhält, wenn es teuer wird. Ein alter Mann, der einmal für diese Institution stand, muss feststellen, dass sie eine Rettungsaktion abgebrochen und danach eine ganze Klasse künstlicher Wesen verboten hat. Nach der Gerichtsverhandlung von damals ist das ein bitterer Rückschlag, und er wirkt gerade deshalb, weil man die frühere Folge kennt. Das ist unbequem und gehört zum Besten, was das Franchise in den letzten Jahren gemacht hat.

Strange New Worlds ist der Gegenentwurf: die Rückkehr zur abgeschlossenen Folge, in der ein moralisches Problem auftaucht, verhandelt und beendet wird. Ich mag beides. Es sind die zwei Formen, die ein offenes Universum braucht — der lange Bogen und die einzelne Geschichte, die für sich steht.

Battlestar Galactica

Die Neufassung beginnt mit einem Angriff, den die Menschheit nicht überlebt. Was übrig bleibt, ist eine Flotte von Zivilschiffen, ein einziges Kriegsschiff und ungefähr fünfzigtausend Menschen. Ab da ist die Serie ein einziger Dauerdruck, und die Frage lautet nicht, ob sie gewinnen, sondern was sie unterwegs von sich selbst aufgeben.

Der Zug, der alles verändert: Die Zylonen sind keine Maschinen im gewohnten Sinn. Sie sind gläubig, sie halten sich für die besseren Geschöpfe, und ihre Begründung ist in sich schlüssig. In der besten Staffel besetzen sie eine menschliche Siedlung, richten eine Verwaltung ein und wollen ernsthaft eine Verständigung — und der Widerstand dagegen arbeitet mit Mitteln, bei denen man als Zuschauer aufhört, sich wohlzufühlen. Es gibt in dieser Serie keinen Punkt, an dem man sicher weiß, auf welcher Seite man steht.

Battlestar hat außerdem etwas gemacht, was ich für mein eigenes Buch als Warnung nehme: Es hat eine Prämisse, die ihr Ende enthält. Eine Flotte auf der Flucht sucht die Erde. Sobald sie ankommt, ist die Geschichte leider fertig.

Starship Troopers

Der Roman von Heinlein meint es ernst. Der Film von Verhoeven erzählt denselben Stoff mit den Mitteln der Sache, die er kritisiert.

Die eingestreuten Wochenschauen sind nicht Propaganda über Propaganda. Sie sind echte Propaganda, gut gemacht, mitreißend, und man merkt erst hinterher, dass man mitgejubelt hat. Der Film erklärt nie, was davon zu halten ist. Er zeigt und traut dem Publikum.

Die Szene, die den Film für mich trägt, ist die Gefangennahme eines Wesens, das den Schwarm lenkt. Ein Wissenschaftler verkündet, es habe Angst, und die Menge feiert. In diesem Moment ändert sich rückwirkend die Natur des ganzen Krieges. Was als Schädlingsbekämpfung erzählt wurde, war die ganze Zeit ein Krieg gegen einen Verstand — und die Frage, wer eigentlich angefangen hat, wird plötzlich sehr unangenehm.

Was daraus für mich folgt

Wenn ich meine Lieblingsmomente nebeneinanderlege, machen sie alle dieselbe Bewegung. Der Rahmen, in dem ein Konflikt erzählt wurde, erweist sich als falsch, und die Figuren müssen damit weiterleben, dass sie in gutem Glauben Schlimmes getan haben.

Was ich daraus mitnehme, sind drei Dinge.

  1. Ein Universum bleibt nur offen, wenn seine Grundfrage nie beantwortet wird. Ein Handlungsbogen wird abgearbeitet, eine Wertespannung nicht.
  2. Die Gegenseite bekommt ihr stärkstes Argument, nicht ihr schwächstes. Wenn eine Position im Buch falsch ist, muss sie trotzdem so gut vertreten werden, dass man ins Schwanken gerät.
  3. Die Beschränkungen stehen vor allem anderen fest, und sie gelten auch dann, wenn sie eine Szene kaputtmachen. Aus Beschränkungen entstehen Geschichten. Aus Wundern entstehen Ausreden.

Der Rest ist Arbeit.